Interkulturalität ist meine Herzensangelegenheit

Wie eine Reise nach Indien Elke Müller zu ihrer Vision brachte
elke-mueller-personal-brand.jpg
| Elke Müller

Indien, 1995. Die Sonne schien hell durch die große Glasfassade der Hotellobby. An der Rezeption herrschte buntes Treiben. Irgendwo mittendrin: Elke Müller. Mit einem Porzellankännchen und zwei Tassen in der Hand gesellte sie sich zu ihrem Geschäftspartner, der es sich auf einem großen roten Samtsessel gemütlich gemacht hatte. „Ich habe gerade noch einmal angerufen. Er ist immer noch auf dem Weg“, erklärte Elke Müller ihrem Gegenüber, einem Reiseveranstalter, und schenkte ihm frisch aufgebrühten Darjeeling Tee ein. Die beiden warteten bereits seit einer halben Stunde auf ihren indischen Kooperationspartner. Nervös tippte Elke Müller auf die Armlehne ihres Sessels und begab sich fünfzehn Minuten später noch einmal an die Lobby, um zu telefonieren. „Immer noch auf dem Weg …“, hieß es an dem anderen Ende der Leitung. Sollte sie den Termin vielleicht absagen oder verschieben? Scheinbar bestand kein großes Interesse, denn von Pünktlichkeit und Termintreue war hier nicht die Rede …

Zwei Liter Tee und eine Stunde später dann endlich die Erleichterung: Freudestrahlend und guten Mutes trat ihnen der junge Mann entgegen. Irgendwie hatte sie sich eine Entschuldigung erhofft, hätte Elke sich in dieser vergeudeten Stunde doch einen Tempel ansehen können oder ähnliches – leider vergebens. Stattdessen ging es gleich ums Geschäft und trotz anfänglicher Bedenken wurden sich die drei Geschäftspartner einig.

Nun mussten die beiden noch eine Agentur finden, die in Zukunft für die Reiseorganisation vor Ort zuständig sein sollte. Gesucht – gefunden. Und da die Agenturchefin erst später anreisen würde, hatte sie Elke Müller und Partner in ein Luxushotel eingebucht. Voller Vorfreude begaben sich die beiden – leger bekleidet und mit Rucksack auf dem Rücken – zum Hotel. Ein lautes „Wow“, entglitt Elke Müller, als Sie den von Palmen gesäumten Weg in Richtung des großen, mit Ornamenten verzierten Hoteleingangs entlangschritt.  

An der Rezeption dann die ersten Verständigungsschwierigkeiten: Schnellen Schrittes wies die Dame den Weg zu den beiden Zimmern – im letzten Winkel des Hotels. Die Zimmer waren spärlich eingerichtet, kahl und dunkel. Von Luxus konnte hier keine Rede sein. Nach kurzem Überlegen gingen die beiden zurück zur Rezeption. „Sind Sie sicher, dass Sie uns in die richtigen Zimmer eingebucht haben?“ Als die Dame erkannte, dass es sich um Geschäftspartner der Agentur handelte, stieg ihr sogleich die Schamesröte ins Gesicht. Sie hatte die beiden schlichtweg für zwei „arme“ deutsche Rucksacktouristen gehalten, denen eine Unterkunft zur Verfügung gestellt werden sollte. Peinlich berührt führte sie die beiden nun in die Luxuszimmer. Eine Entschuldigung gab es auch hier nicht – jedes Mal wenn die Dame den beiden begegnete, hätte sie am liebsten versucht, sich in Luft aufzulösen.

"Kulturschock? Genau mein Thema!"

Sicher haben wir alle schon ähnliche Situationen im Urlaub oder auf einer Geschäftsreise erlebt – Kulturschock eben. Man lächelt darüber, denkt so etwas wie „andere Länder, andere Sitten“ und widmet sich dem weiteren Tagesplan. Nicht aber Elke Müller. Sie wollte mehr zum Thema Interkulturalität erfahren – und so sollte diese Indienreise ihren späteren Karriereweg ebnen.

Bis zu diesem Zeitpunkt war Elke noch Angestellte im Bereich Unternehmensberatung und Personalentwicklung, arbeitete an spannenden Projekten und war umgeben von einem tollen Team. Ihre Führungskraft gab ihr viele Freiheiten und den nötigen kreativen Spielraum. Als diese jedoch aus dem Unternehmen schied, veränderte sich auch die Unternehmenskultur. Vielleicht war es genau jetzt an der Zeit für den nächsten Schritt! Ihren Entschluss dazu fasste sie auf ihrer Indienreise, mit ihrer neuen Vision, ihrem Big Picture im Gepäck: Sensibilisierung in der internationalen Zusammenarbeit. Dieses Thema sollte sich im Verlauf ihrer beruflichen Laufbahn immer mehr verstärken.

Zurück im Büro traf sie auf ihre damalige Kollegin, die bereits Erfahrungen in der Selbstständigkeit hatte und sich als Partnerin anbot. Nach sieben Jahren Berufspraxis und einem BWL-Studium hatte auch Elke Müller das nötige Handwerkszeug, um mit ihrer Idee ein Unternehmen zu gründen. Zugegeben, Interkulturalität stand zu dieser Zeit nicht auf Punkt eins der Agenda vieler Unternehmen und so hatte auch sie zunächst Schwierigkeiten, mit ihrer Unternehmung Fuß zu fassen. Deshalb wurden aus Workshops zum Thema Diversity und interkultureller Kommunikation erst einmal Verkaufs- und Führungstrainings.

Von der Gründerin zur Vorbildunternehmerin

Es dauerte fast vier Jahre bis sie genügend Interessenten für interkulturelle Themen gewinnen konnte. Doch dann ging es erfolgreich voran. Schließlich wurde compass international zur GmbH und Elke Müller zur alleinigen Geschäftsführerin. Und noch heute ist sie mit voller Begeisterung und Engagement dabei. Dass sie jedoch eines Tages vom Bundeswirtschaftsministerium zur Vorbildunternehmerin ausgezeichnet würde, daran hätte sie nicht einmal im Traum gedacht.
 
Damals im Frauennetzwerk hieß es: „Hey, habt ihr schon mitbekommen, das Bundeswirtschaftsministerium hat da so eine Ausschreibung am laufen, wo es darum geht Gründerinnen zu unterstützen.“ Eine gute Idee, dachte Elke Müller und bewarb sich. Lange Zeit gab es keine Rückmeldung, bis sie eines Tages einen Brief in Händen hielt, unterzeichnet vom ehemaligen Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel, mit den Worten: „Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass Sie ausgewählt wurden ...“

Seitdem ist sie nicht nur Expertin für Diversity, sondern wird auch auf das Podium gerufen, wenn es um das Thema Gründung geht. Eine neue Herausforderung, der sie sich gerne stellt, wenngleich sie auch lernen musste, sich stolz über diese Auszeichnung zu zeigen. Während andere Gewinnerinnen sich sofort in der Öffentlichkeit mit der Auszeichnung schmückten, brauchte Elke Müller etwas Zeit, in diese neue Aufgabe hereinzuwachsen – mit höchstem Anspruch an sich selbst. Heute übernimmt sie auch diese Aufgabe mit Leidenschaft. Schließlich kann sie als Gründerin selbst auf jahrelange Erfahrung zurückblickenund sowohl über Erfolge, als auch Herausforderungen berichten.

"Kann mir mal bitte jemand die Socken anziehen?"

Eine dieser Herausforderungen, wenn auch nicht geschäftlich, war ein doppelter Bandscheibenvorfall. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte Elke sich machtlos, hilflos und war auf andere angewiesen. Hatte sie zuvor gerne alles selbst in die Hand genommen, war immer und gerne erste Ansprechpartnerin bei Fragen, so musste sie nun selbst Hilfe annehmen. Für sie ein entscheidender Schritt aber auch eine neue Erkenntnis: Auch ich darf Hilfe annehmen und das ist okay.

Was für andere selbstverständlich erscheint, ist für eine unabhängige Frau wie Elke Müller eine völlig neue Erfahrung. Denn bereits im Kindesalter wurde sie liebevoll aber auch fordernd zur Selbstständigkeit erzogen. „Stell dir vor du stehst alleine auf der Straße und hast einen Platten. Wer soll dir helfen?“, fragte ihr Vater damals und brachte ihr kurz nach Erlangung des Führerscheins das Reifenwechseln bei.

Generell hielt sie schon in ihren jungen Jahren nichts von Klischees und klassischer Rollenverteilung. Sie zog den Barbie-Puppen den Fußball vor, spielte gerne gemeinsam mit den Jungs eine Runde auf dem Bolzplatz. Und dennoch waren ihre Eltern wenig begeistert, als sie eines Tages vor der Tür stand und ihnen eröffnete: „Ich habe da eine Geschäftsidee und möchte mich selbstständig machen.“

So sicherheitsbewusst wie ihre Eltern, so spontan war Elke Müller und ist es bis heute. Sich selbst alleine durchboxen zu können – keine schlechte Eigenschaft für eine Unternehmerin. Aber sie ist auch dankbar, helfende Hände an ihrer Seite zu wissen: etwa ihren
Lebensgefährten, der ihr während ihres Bandscheibenvorfalls liebevoll und ohne Murren die Socken wechselte, oder ihre Mitarbeitenden, die sie so sehr unterstützt haben und zeigten, dass es auch ohne ihre ständige Anwesenheit weitergehen konnte.

Ein bisschen Bergluft schnuppern wäre schön …

Und an dieser Stelle wagt sie auch einen kleinen Ausblick in die Zukunft. Wie soll es in den nächsten Jahren weitergehen mit compass international – ihrem Herzensprojekt? Sicher ist, dass sie nicht wie einige andere in diesem Business auch im hohen Alter noch 60 Stunden die Woche arbeiten möchte. Sie weiß ja jetzt, dass es auch ohne sie weitergeht.

Anstatt am Schreibtisch sieht sie sich lieber in den Bergen, gemeinsam mit ihrem Partner. Wandern ist eine ihrer großen Leidenschaften, für die sie jedoch im Moment wenig Zeit findet. Ein kleines Ferienhäuschen mitten im Allgäu, umringt von Tannen und grünen Weiden. Morgens von den Kuhglocken geweckt werden und beim Frühstücken auf das Bergpanorama blicken. Eine Vision, an der Elke Müller in Zukunft festhalten möchte. Wenn es mal brennt, kann sie auch ja auch virtuell eingreifen, das hat sie aus der Corona-Krise gelernt. Und sollte es mal nicht in die Berge gehen, dann packt sie ihren Laptop ein und fliegt zurück nach Asien – ob es wieder das Luxushotel in Indien sein soll, lässt sie allerdings offen.


Elke Müller

Als interkulturelle Trainerin, Coach und Organisationsentwicklerin weiß die Geschäftsführerin von compass international, wovon sie spricht. Von Beginn ihrer Tätigkeit an brennt sie für die Themen Internationalität, Integration und Diversity und das spürt man, wenn man mit compass international in Berührung kommt. Darüber hinaus ist sie seit 2013 Dozentin für "Diversity und Führen 2030" an der Universität Stuttgart am Zentrum für Lehre und Weiterbildung. 2014 wurde sie vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) im Rahmen der Initiative "FRAUEN unternehmen" als Vorbildunternehmerin ausgezeichnet und engagiert sich im Rahmen der Initiative ehrenamtlich für mehr Sichtbarkeit von Unternehmerinnen und als Role Model für Gründerinnen. 2019 wurde sie als ordentliches Mitglied in den Internationalen Ausschuss der Stadt Stuttgart berufen. In diesem Gremium setzt sie sich vor allem für die Integration und die Entwicklung einer Willkommenskultur internationaler Fachkräfte ein.

www.compass-international.de



Bestellen Sie jetzt die aktuelle Ausgabe des Personal Brand Magazin

personal-brand-magazin-1-2020.jpg
Ausgabe 1-2020