Das TV-Duell 2017 oder: Wie es gelingt, sich null-komma-null zu positionieren

2 Kontrahenten
4 Moderatoren
95 Minuten
geschätzte 20 Millionen Zuschauer vor dem Fernseher

Zum vierten Mal stellte sich die Amtsinhaberin Angela Merkel im TV-Duell ihrem Kontrahenten, Sonntagabend also SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz. Während bis zum Duell gegen Peer Steinbrück 2013 Merkel immer als „Verliererin“ die Begegnung verließ, sprechen heute nationale wie internationale Zeitungen vom „Unentschieden“, manche sogar vom Sieg Merkels.

Wir haben mal genauer hingeschaut, wie dieser Eindruck entstehen konnte.

Ganz ohne Vorgeschichte geht es nicht: Sonntagabend gingen zwei Kontrahenten in ein Duell, das heute mehrheitlich als „Duett“ bezeichnet wird. Warum? Die SPD ist in acht von 12 Jahren ihrer Regierungszeit Koalitionspartner der Regierung gewesen, demnach auch für die „vergangene“ Politik dieser Amtsperioden mitverantwortlich, was zu sehr einheitlichen Sichtweisen und damit wenig Angriffsfläche führte.

„Keiner von beiden wurde während des zähen Ringens in die Verlegenheit gebracht, eine Idee zu entwickeln, wo es jetzt mal so hingehen könnte mit Deutschland.“ (Quelle: Die Zeit)

Trotzdem versuchte Schulz hier und da Merkel aus der Fassung zu bringen. Es blieb bei dem Versuch. Er wirkte nervös, atmete schnell sowie immer wieder tief durch und flackerte mit den Augen – alles klare Stresssignale, die dem Betrachter Schwäche demonstrieren. Seine Angriffsstellung, die mitunter auch aggressiv wirkte, wurde in den Momenten deutlich, in denen er sich Merkel direkt zuwandte und ihr den Kopf entgegenneigte.

Merkel dagegen positionierte sich körpersprachlich komplett als Amtsinhaberin in der Machtposition und transportierte damit den Zuschauern das, was sie schon kennen: Stabilität und Sicherheit. Das war nicht immer so. Aus 1991, als Merkel Bundesfamilienministerin war, existiert ein Interview, in dem sie an einem Schreibtisch sitzt und über die gesamte Zeit hinweg mit einer Büroklammer spielt (siehe: YouTube). 1999 als CDU-Generalsekretärin dann blühte sie gestisch auf, wirkte immer sicherer. Der eigentliche Höhepunkt kam dann 2005 im TV-Duell gegen Schröder. Nach diesem Datum wurde sie von ihrer Körpersprache her immer ruhiger, was die Merkel-Raute nur noch unterstreicht.

Dass Martin Schulz mit seiner aus bisherigen Auftritten bekannten gestisch wie mimisch sehr kraftvollen und ausdrucksstarken Art und Weise hier nicht weiterkam, lag auch an der Souveränität der Kanzlerin, an der jeder Angriff einfach abprallte.

„Schulz' Attacken schienen der Bundeskanzlerin die Möglichkeit zu geben, in die Rolle zu schlüpfen, für die sie im In- und Ausland geachtet wird: als fähige, internationale Staatsfrau.“ (übersetzte Quelle: New York Times)

„Merkel wirkte so sicher, so konzentriert und gleichzeitig über weite Strecken so gelöst, dass sie klare Aussagen zur Türkei, zur Rente und zur Automobilwirtschaft nicht scheute. Schulz war angriffig, aber er verlor sich schnell in Details und prallte immer wieder an Merkel ab. Die beiden wirkten über weite Strecken eher wie die Koalitionäre, die sie sind, denn wie erbitterte politische Gegner.“ (Quelle: Neue Zürcher Zeitung)

Fest steht: Merkel hatte das Duell nicht nötig, sie hat aber auch nichts eingebüßt. Ihre Position ist nach wie vor klar. Sie blickt auf 12 Jahre Erfahrung zurück, die sie sicher machen. Schulz dagegen hat es nicht geschafft, sich als echte Alternative zu positionieren und seine Chance, den Fernsehzuschauern seine Ecken und Kanten zu zeigen, damit verspielt.

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