Grenzüberschreitung im Social Web

Warum mit der Luther-Manier alle Hürden fallen


Oft hat man den Eindruck, dass in Social Media alle Grenzen verschwimmen. Pikante Details, persönliche Vorwürfe und Beschimpfungen werden öffentlich auf privaten Profilen ausgetragen und gelangen so schnell an eine breite Masse von Menschen. Ob privates Facebook-Profil oder Fanpage – schon lange hat die „Luther-Manier“, gerade auf dem größten Social Media Portal Facebook, Einzug erhalten.

Stellen Sie sich einmal vor, das würde im „wahren Leben“ passieren – in der echten Realität. So wie Luther seine Thesen anschlug, müssten diese Menschen (sogenannte Trolls) mit einem A3-Plakat zu Ihrem Haus fahren und wüste Beschuldigungen, deutlich negative Kritik oder persönliche Vorwürfe – für alle Nachbarn sichtbar – an Ihre Hauswand schlagen. Würden Sie das zulassen? Wohl kaum! Würde so etwas im echten Leben passieren? Wohl kaum! Passiert es im Social Web? Ja! Und das mit zunehmender Häufigkeit. Warum ist das so?

Harsche Worte und niedriges Niveau

Durch das Internet und die persönliche Vernetzung mit manchmal eigentlich fremden Menschen eröffnen sich neue Möglichkeiten. Wobei das Teilen von Bildern mit Freunden über den Atlantik hinweg ein durchaus positiver Effekt des Social Webs ist, fallen mit dieser virtuellen Art der Kommunikation alle Hürden. Jetzt sagen Sie vielleicht: „Ist doch jedem selbst überlassen, ob er pikante Fotos von sich postet und der Welt Zugriff gewährt.“ Ja, das ist so – jedoch hat man leider keinen Einfluss darauf, wenn angebliche Freunde oder Wildfremde harsche Worte auf der eigenen Chronik hinterlassen. Denn wenn man diesen Beitrag dann entdeckt, kann es schon längst zu spät sein. Der User lässt sich blockieren oder als Freund löschen, doch der erste Schaden ist bereits entstanden. Im Social Web verschwinden die Grenzen, es geht mitunter sehr persönlich zu, obwohl man sich oft kaum kennt – und das teilweise auf einem Niveau, das alles andere als angemessen ist.

Woher kommt diese Entwicklung?

Es scheint, als würden wir im Social Web immer nörgeliger. Das bestätigt auch Leonard Reinecke. Der Medienpsychologe an der Uni Mainz erforscht die Kommunikation im Social Web und meint, dieses sei eine Spielwiese geworden. Es ginge um Selbstdarstellung und die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität. Das Kommentieren diene dazu, sich intellektuell zu messen und auch mal Meinungen zum Besten zu geben, die man sich in anderen Zusammenhängen nicht trauen würde, zu äußern. Jeder sei bestrebt, mit den eigenen Einstellungen im Reinen zu sein. Träfen wir also auf Einstellungen, die nicht unserer Weltsicht entsprechen, seien wir dazu geneigt, diese gerade zu rücken – hier sei auch der Schritt zu einem aggressiven Tonfall nicht mehr weit.

Face-to-Face Kommunikation hindert uns oft daran, persönliche Vorwürfe frei zu äußern. Man muss sich zügeln und an seine Manieren appellieren, weil man im persönlichen Gespräch einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Im Social Web fällt das weg – vor allem dann, wenn man anonym kommentiert oder weiß, dass man die Person niemals persönlich treffen wird.

Wie reagiert man auf sogenannte „Trolls“?

Grundsätzlich gilt: Persönliche Kritik sollte immer persönlich geäußert werden. Wenn schon Social Media – dann sollte man einfach eine persönliche Nachricht verfassen, oder sich aber dem Problem direkt stellen, anrufen oder mit der Person Face-to-Face sprechen.

Bei Unternehmensauftritten im Social Web sieht das etwas anders aus. Dazu sagt Medienpsychologie Leonard Reinecke: „Man muss sich dem schon stellen. Ich sollte als Unternehmen nur einen Mittelweg finden, um bei den Grundsatznörglern nicht zu tief einzusteigen, aber trotzdem ein Entgegenkommen zu signalisieren. Bei Kommentaren zu journalistischen Beiträgen ist dagegen häufig nicht in erster Linie der Journalist das Ziel des Kommentars. Es geht dem Kommentator oft eher darum, das Meinungsklima in seinem Sinne zu beeinflussen. Ich glaube, Reaktionen sind dort nur dann nötig, wenn sich der Kommentator direkt an die Redaktion wendet oder wenn der Journalist weitere Details liefern bzw. Inhalte richtigstellen kann.“ Hier ist also auch eine Menge Gelassenheit gefragt.

Fazit: Setzen Sie auf echte Kommunikation im wahren Leben. Persönliche Angriffe haben auf der Chronik eines Kollegen oder Bekannten nichts verloren. Wenn Kritik berechtigt ist und an ein Unternehmen gerichtet, darf man diese ruhig äußern – doch auch in der virtuellen Welt gilt: DER TON MACHT DIE MUSIK!

(Quelle des Interviews: http://www.wuv.de/digital/troll_psychologie_wann_der_ton_im_social_web_umschlaegt)

 

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