Vom Makel zur Marke

Ein ruhiger Donnerstag. Ich komme vom Sport, die Haare sind noch nass, heute ist nicht mehr viel mit mir anzufangen. Also Couch-Fernseher-Kombination und durchzappen. Eher gelangweilt. Nicht weil ich denke, da kommt jetzt noch eine Sensation auf mich zu, sondern eher aus dem Unwillen heraus, direkt in einen tiefen Schlaf zu verfallen.

Und dann sehe ich dieses außergewöhnliche Gesicht. Bleibe hängen. Schalte nicht weiter. Bin fasziniert und kann nicht mehr wegsehen. Es ist das Gesicht von Chantelle Brown-Young, Künstlername Winnie Harlow, die gerade den Germany’s Next Top Models von Heidi Klum das Laufsteg-Laufen näher bringen soll.

Und allein mit Worten lässt sich schwer beschreiben, welche Faszination ihr Äußeres auslöst. Denn ich unterstelle hiermit: Niemand, der dieses Mädchen je gesehen hat, wird es vergessen. Niemand.

Die „fleckige“ Haut des jungen Mädchens ist einer Krankheit geschuldet, die Vitiligo heißt. Hierbei sind Partien von Hautzellen nicht mehr in der Lage, Pigmente zu bilden, die Haut bleibt an diesen Stellen weiß. Besonders auffällig ist diese Krankheit bei dunkelhäutigen Menschen wie Brown-Young. Und nicht immer wurde ihr so viel Bewunderung zuteil wie heute.

In der Schule wurde sie derart gehänselt, als „Kuh“ und „Zebra“ beschimpft, dass die Kanadierin sich gezwungen sah, die Schule abzubrechen. Doch sie erholte sich, kam aus ihrem Versteck und ging in die Offensive. Sie veröffentlichte Fotos von sich in sozialen Netzwerken. Menschen wurden auf sie aufmerksam. Als sie 16 war, kam die kanadische Journalisten Shannon Boodram auf sie zu und lud sie ein, bei einem Dreh dabei zu sein. Veröffentlicht auf Youtube wurde das Video bis heute 111.151 geklickt. Aufgrund des Beginns ihrer Karriere nennt Spiegel Online sie ein „Social-Media-Model“.

Der Durchbruch für Brown-Young kam, als Tyra Banks sie 2014 in ihre Castingshow America’s Next Top Model holte. Hier flog sie zwar recht früh raus, wurde aber von ihren Fans wieder reingewählt und machte am Ende Platz 6. Und auch wenn es nicht der 1. Platz wurde: Seitdem ist sie gefragter denn je, ist Markenbotschafterin des spanischen Labels Desigual, läuft auf den Diesel-Shows.

Ich sehe ihr dabei zu, wie Sie die „Mädchen“ in der Disziplin Catwalk mit Schuhen, die nicht passen, trainiert. Denn Schuhe werden für Fashion Shows häufig wahllos zugeteilt, sodass Models mal in viel zu kleinen, mal in viel zu großen Exemplaren auf den Laufsteg müssen. „Können“ ist in diesem Fall die Fähigkeit, sich nicht anmerken zu lassen, dass man die Schuhe fast verliert oder unfassbare Schmerzen hat, weil die Zehen eingequetscht sind.

Brown-Young beginnt ihr Training mit einer Anekdote, als sie mal mit Männerschuhen auf den Laufsteg musste, und schließt mit dem Fazit: „Heute lernen wir, mit dem umzugehen, was wir haben.“ Ein starker, mehrdeutiger Satz aus dem Mund einer jungen Frau, die schmerzhaft lernen musste, mit dem umzugehen, was sie hat.

An Brown-Young wird eines deutlich: Wir Menschen sind alle unterschiedlich, wir sind anders, wir sind außergewöhnlich. Nur: Nicht jeder trägt seine Unterschiede für jeden sichtbar auf der Haut zur Schau. Viele verstecken, wer sie sind, um in der Masse unterzutauchen. Versuchen unsichtbar zu sein und werden dadurch austauschbar. Sie haben Angst vor dem, was Brown-Young vielfach erlebt hat: Ablehnung.

Vor allem Menschen, die mit ihrer Dienstleistung erfolgreich sein wollen, scheitern aber genau an dieser Rechnung. Sie werden nicht gebucht und nicht gefunden, weil sie ihren Kunden keine Kanten geben, an denen diese sich für oder gegen sie entscheiden können. Sie schwimmen unerkannt in einer Suppe aus Gleichen.

Aber: Menschen werden sich nie darüber einig werden, was schön ist, was liebenswert ist oder abstößt und unsympathisch ist. Einer wird immer anders darüber urteilen als ein zweiter oder dritter. Wir müssen also für uns selbst die Entscheidung treffen: Verstecken wir uns und riskieren, dass wir austauschbar, unsichtbar und für andere nicht greifbar sind? Oder stehen wir zu dem, was wir sind, machen unsere Makel zu unserem Markenzeichen, zu einem Wert und fesseln die Welt mit unserer Unvollkommenheit?

Machen Sie sich unvergesslich. Lesen Sie in dem neuen Buch von Ben Schulz und Edgar K. Geffory „Erfolg braucht ein Gesicht“, wie Sie Ihren Makel mit Personal Branding zu Ihrer Marke machen.

Natalie Harapat

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